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Informationen zur Homöopathie

Boger-Methode

Cyrus Maxwell Boger

Die Homöopathie besteht längst nicht mehr aus einem einzigen einheitlichen therapeutischen Ansatz, der von allen Homöopathen gleichermaßen verwendet wird. Heute existieren zahlreiche Formen der Homöopathie nebeneinander.[1] Eine allgemeine Richtlinie oder Empfehlungen, welches Grundkonzept der Homöopathie angewandt werden soll, gibt es nicht. Verschiedene Therapeuten vertreten hier teils diametral entgegengesetzte Standpunkte. Einem homöopathisch behandelten Patienten kann es deshalb immer passieren, vom nächsten homöopathisch arbeitenden Therapeuten hören zu müssen, dass das bisher angewandte Verfahren gar keine „echte Homöopathie“ gewesen sei.

Die Methode nach Boger gehört zu diesen Varianten der Homöopathie und hier wiederum zu denjenigen Strömungen, die sich als direkte Umsetzung der Anweisungen Hahnemanns verstehen.

Überblick und Historisches

Der amerikanische Homöopath Cyrus Maxwell Boger (1861–1935) gilt als Vater der vierten grundlegenden Methode der homöopathischen Fallanalyse (neben Samuel Hahnemann, James Tyler Kent und Clemens Maria Franz von Bönninghausen). Dabei wird seine Methode mitunter als eine Art Zusammenführung der Vorstellungen von Bönninghausen und Kent beschrieben, wobei Bogers Ansatz auch Unterschiede zu beiden Verfahren beinhaltet. Bogers Methode ist vor allem gekennzeichnet durch eine starke Generalisierung der Symptome und eine Erweiterung der Anamnese auf die Familie des Patienten.[2][3]

Während seine Methode in den USA und im deutschsprachigen Raum nach seinem Tod in Vergessenheit geriet, ist sie bis heute in Indien relativ verbreitet. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass Boger schon zu Lebzeiten Briefkontakt mit dem indischen Homöopathen L. D. Dhawale pflegte und Bogers Witwe die Rechte aller Schriften ihres verstorbenen Mannes deshalb einem indischen Verlagshaus überließ. Weitere Anwender dieser Methodik sind S. R. Phatak und Pichiah Sankaran, der Vater von Rajan Sankaran, der später seine eigene Methode entwickelte. [2]

Boger entwickelte eine spezielle Methode der Repertorisation und verfasste auch die hierfür neu geordneten Grundlagenwerke, Synoptic Key to the Materia Medica (oft einfach nur als „Synoptic Key“ bezeichnet) und General Analysis. Beim Synoptic Key handelt es sich um ein sehr knappes Repertorium, ergänzt um eine ebenfalls knappe Materia Medica. In General Analysis verdichtet Boger die Arzneimittelsymptome auf weniger als 400 Rubriken.[3] Auch beschränkt sich Boger in seinem Repertorium auf die Symptome, die in seinen Vorlagen als wesentlich eingestuft waren. Für viele besteht seine große Bedeutung deshalb darin, das "Wissen" der anderen Homöopathen (vor allem Kent und Bönninghausen) herausreduziert und stark vereinfacht zu haben, indem er ganz klare Prioritäten setzt.[3]

Die Methode ist nicht auf bestimmte Krankheitsbilder begrenzt und wird in Indien auch bei schwersten Erkrankungen angewandt.[2]

Kernaussagen

Die Wahl des „ähnlichsten Mittels“ erfolgt in mehreren aufeinander aufbauenden Schritten.

Im ersten Schritt soll der Homöopath dazu eine Art „Vogelperspektive“ einnehmen, um aus der Vielzahl der während der Anamnese vom Patienten geschilderten Symptome diejenigen zu erkennen, die das Bild des Patienten am besten charakterisieren. Als charakteristisch wird eingestuft, wenn Empfindungen oder Modalitäten nicht nur einmal, sondern wiederholt in der Krankengeschichte des Patienten oder sogar seiner Angehörigen zu finden sind.[2] Der Therapeut soll sich in der Anamnese vom Detailgeschehen lösen und die wiederholt vorkommenden, wegweisenden Aspekte der Symptome erkennen, die ihn zu den Rubriken der größten Ähnlichkeitsbeziehung der Arzneibilder im Synoptic Key und in der General Analysis führen. Als beachtenswert werden die Qualitäten eingestuft, die sich auffällig durch die Gesamtsymptomatik ziehen. Das Ziel der Fallaufnahme nach Boger ist es,
Symptome zu klassifizieren, die die Idee der Pathologie in Bezug auf den ganzen Organismus widerspiegeln.[2]

Im zweiten Schritt soll der Therapeut bei den gewählten Symptomen das näher betrachten, was Boger als „anatomische Wirkrichtung“ bezeichnet. Modalitäten (also unter welchen Umständen sich Symptome verändern) werden bei Boger hierbei genau dann betrachtet, wenn sie in verschiedenen Lokalisationen oder bei verschiedenen Erkrankungen des Patienten auftreten. In dieser Betonung der Modalitäten zeigt sich, warum Boger auch als Erbe des Wissens von Bönninghausen gilt, bei dem die sich durch das Krankheitsbild ziehenden Modalitäten ähnlich entscheidend bei der Mittelwahl sind. Besonderes Augenmerk legt Boger bei den Modalitäten auf die Zeit-Modalitäten (also wann wird es besser/schlechter). Eine geringere Bedeutung kommt in seiner Methode der bei Kent wesentlichen Konstitution des Patienten zu.

Ähnlich wie die Polaritätsanalyse bei Bönninghausen verwendet auch Boger diese auffälligen Modalitäten als Ausschlusskriterium bei der Arzneimittelwahl: Im General Analysis sind die Arzneien in drei verschiedenen Wertigkeiten aufgelistet; eine höhere Wertigkeit hat eine Arznei bei einem bestimmten Symptom dann, wenn in der Praxis häufiger von Genesungen nach Gabe dieses Mittels bei dem entsprechenden Symptom berichtet wurde. Beinhaltet das Arzneimittelbild einer Arznei entgegengesetzte Modalitäten (Beispiel Besserung/Verschlechterung unter Kälte) in unterschiedlichen Wertigkeiten, dann dann ist es für Boger ein Einwand gegen eine bestimmte Arznei, wenn der Patient das weniger wertige Symptom beschreibt. [2]

Ausschlaggebend bei der Entscheidung zwischen mehreren in Frage kommenden Mitteln sind bei Boger wie auch bei Kent die Gefühlssymptome, wobei Boger aufgrund seiner Generalisierung nur acht markante Gemütsrubriken unterscheidet (Zorn, Furcht, Angst, Ruhelosigkeit, Apathie, Besserung bzw. Verschlechterung nach Gesellschaft und angegriffenes Gemüt).[2]

Der aktuelle Krankheitszustand ist bei Boger immer über ein zugrunde liegendes Miasma zu verstehen, das momentane Kranksein also ein Ausdruck der gesamten Krankheitsgeschichte des Patienten. Besonders wichtig für die Wahl des Mittels sind bei Boger Symptome dann, wenn sie nicht nur aktuell vorliegen, sondern im Leben des Patienten schon mehrmals eine Rolle spielten. Dabei beschränkt er sich beim Betrachten der Vorgeschichte nicht auf den Patienten selbst, sondern geht wenn möglich über zwei Generationen in der familiären Krankengeschichte zurück. Boger nennt diesen dritten Schritt die „Verankerung“ seiner Mittelwahl, weil er ihn als Absicherung sieht, die richtigen Symptome gewählt zu haben. [2] Hierin besteht ein diametraler Unterschied zur Fallaufnahme nach Bönninghausen oder auch der Vorgehensweise der genuinen Homöopathie.

Zuletzt erfolgt die Mittelwahl entsprechend der Materia Medica.[3]

Eingesetzte Potenzen

Nach Boger werden meist C–Potenzen in Hoch– und Höchstpotenzen, selten ab der C12, meist von der C30 bis über die C100.000 hinaus in Einzelgaben verordnet. Derart hohe Potenzen können beispielsweise im Verfahren nach Korsakow oder als Fluxionspotenzen hergestellt werden. Ganz selten gab Boger 3 Einzelgaben. Die von Hahnemann erst in der letzten Ausgabe des Organon eingeführten Q–Potenzen kannte Boger nicht, sie kommen in seinen Verordnungsbeschreibungen daher nicht vor.[2]



Quellen- und Literaturangaben
  1. E. Ernst:"Homeopathy – The Undiluted Facts"; Springer International Publishing Switzerland 2016, S.35; DOI 10.1007/978-3-319-43592-3_6, ISBN 978-3-319-43590-9
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 2,8 Gerhard Bleul (Hrsg.): „Homöopathische Fallanalyse: Von Hahnemann bis zur Gegenwart – die Methoden“, darin: Eckart von Seherr-Thohs:„Die Methode nach C. M. Boger“, S. 60–72, 2012 Karl F. Haug Verlag, Stuttgart, ISBN 978-3-8304-7320-6
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 Artikel über C. M. Boger auf der Webseite der „Schule für Klassische Homöopathie“ http://www.organon-schule.de/html/seite11.htm (aufgerufen am 19. Mai 2017)