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Wilhelm Schüßler

Wilhelm Heinrich Schüßler (1821–1898) war ein deutscher Homöopath und Erfinder der sogenannten Schüßler-Salze, die noch heute fester Bestandteil der „Alternativmedizin“ sind.

Lebensjahre bis zum Studium

Wilhelm Heinrich Schüßler
(Bildquelle: Public Domain)
Geboren wurde Wilhelm Heinrich Schüßler am 21. August 1821 in Bad Zwischenahn im Herzogtum Oldenburg als Sohn des Amtmanns Heinrich Nicolaus Schüßler und seiner Frau Margarete Catharina, geb. Hedden. Er hatte vier Geschwister. Über seine schulische Ausbildung ist nichts bekannt. Er arbeitete danach als Sekretär und erteilte ab 1849 Fremdsprachenunterricht. Obwohl er kein Abitur ablegte, verschaffte er sich den Zugang zu einem Studium, wohl finanziert durch seinen ältesten Bruder Ernst Georg Theodor Schüßler, welches er 1852 an der École de Médicine in Paris antrat.[1]

Studium und Promotion

Weitere Stationen seines erschlichenen Studiums waren Berlin (1853) und Gießen, wo er sich am 3. November 1854 immatrikulierte. Sein Eintrag enthielt nicht nur falsche Altersangabe und Geburtsort, auch der Beruf des Vaters war mit „Musiklehrer“ falsch angegeben.[1]

Bereits am 1. März 1855, also nur gut drei Jahre nach Beginn seines Studiums, promovierte Schüßler unter dubiosen Umständen zum Dr. med. Da er vorspiegelte, in Kürze als Militärarzt einberufen zu werden, wurde er ohne die Vorlage einer Dissertation oder der entsprechenden Leistungsnachweise promoviert. Er musste nur die Studiengebühren bezahlen und ein Prüfungsgespräch führen.[1][2][3] Hierzu ist zu ergänzen, dass Schüßler nie irgendwelchen Militärdienst geleistet hat und dies auch nie im Raume stand.

Staatsexamen

Hiernach ging Schüßler für ein Semester nach Prag, wo er Vorlesungen zur Homöopathie hörte. Am 18. September 1855 suchte er um Zulassung zum medizinischen Staatsexamen in Oldenburg nach, was ihm allerdings verweigert wurde. Begründet wurde dies mit dem fehlenden Abitur und dem abgekürzten Studium. Gemäß der herzoglich-oldenburgischen Verordnung vom 30. April 1831 musste das Medizinstudium mindestens vier Jahre dauern (Quadriennium academicum). Versuche Schüßlers, diese Vorgaben zu umgehen und eine Ausnahmegenehmigung zu erlangen, schlugen fehl. Auch der Wunsch, das Abitur in Prag ablegen zu dürfen, wurde abgelehnt. Das einzige Zugeständnis, das von der Regierung gemacht wurde, war die Erlaubnis, das Abitur nachholen zu dürfen – dies allerdings nur an einem Gymnasium des Herzogtums Oldenburg. In einer seiner Eingaben schrieb Schüßler (zitiert nach der Biographie von Günther Lindemann):[1]

Hoffend, daß EW. Königliche Hoheit geruhen werden, eine Dispensation dem Unterzeichneten zu ertheilen, erlaubt er sich, diejenigen Fächer zu nennen, in denen er weniger streng geprüft zu werden wünscht. Dies sind: Mathematik, Geschichte, Griechisch und Geographie. Vorzugsweise ist es aber die Mathematik, worin er am ungernsten geprüft werden möchte. Eine vollständige Dispensation von diesem Fach wäre ihm am willkommensten.
Im März 1857 hatte Schüßler alle Voraussetzungen geschaffen, um zum Staatsexamen zugelassen zu werden. Dieses wurde am 28./30. Juli und am 12. August 1857 durchgeführt und von Schüßler mit mittelmäßigen Ergebnissen bestanden. Nach eigenen Angaben bekam er die Note 3, wofür er seine beiden Prüfer Dr. Kelp und Dr. Kindt so verantwortlich machte, dass er die beiden noch nach Jahren mit einem Spottgedicht bedachte.[1]
Als nämlich der Erfinder der Biochemie, Dr. W. H. Schüßler, im Jahre 1857 im Examen vor dem Collegium medicum wegen mangelhafter bzw. ungenügender Kenntnisse durchfallen sollte, wurde ihm trotzdem die Approbation erteilt, wenn er sich verpflichten wolle, Homöopathie zu treiben. Offenbar glaubten die Examinatoren, ein Arzt, dessen Wissen und Können nur gering sei, könne (…) am wenigsten schaden. Das war freilich ein großer Irrtum (…) denn, wenn Dr. Schüßler auch ein dummer Mediziner war, ein kluger Geschäftsmann war er auf alle Fälle.[4]

Niederlassung in Oldenburg und Tätigkeit als Homöopath

Schüßler plante, sich in der Stadt Oldenburg niederzulassen und dort eine Praxis zu eröffnen. Hierzu benötigte er eine städtische Konzession, die am 2. Januar 1858 allerdings nur unter der Auflage erteilt wurde, dass sich Schüßler ausschließlich als Homöopath betätigen durfte.

Da ihm als Homöopath die anderen ärztlichen Standesvereine verschlossen blieben, trat Schüßler 1861 dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte bei. In dieser Zeit veröffentlichte er auch einige Artikel und kleinere Schriften. Daneben lieferte er sich eine scharfe Diskussion mit Prof. Dr. Carl Bock, einem Kritiker der Homöopathie. Eine seiner Schriften trug den Titel „Wie urtheilt man in Oldenburg über die Homöopathie“. In dieser Schrift zeigt sich schon sein kritischer Ansatz in der Betrachtung der Hahnemannschen Lehre. So meinte Schüßler schon damals, dass eine Arzneimittelprüfung am Gesunden nur dann eine Bedeutung habe, wenn der Körper des Probanden zur Zeit der Arzneimittelprüfung für diese Krankheit disponiert war.[1]

Schüßler ist durch seine Thesen auch unter Homöopathen nicht unumstritten, nicht zuletzt weil er in seinen Schriften immer wieder ausfällig wird. So bezeichnete er Eduard von Grauvogl, der seine Ansichten nicht teilte, als „Schafskopf“.[1]

Besonderes Interesse legte Schüßler auf die homöopathische Arzneimittellehre und hatte auch eine dezidierte Meinung zur Laienbehandlung. So schrieb er 1869 (zitiert nach der Biographie von Günther Lindemann):[1]

Ich bin nicht der Ansicht, daß die Laienpraxis den homöopathischen Ärzten Abbruch tut, ich glaube das Gegenteil und berufe mich auf meine Erfahrungen, denn aus den Distrikten, worin die meisten homöopathischen Hausapotheken vorhanden sind, kommen mir immer die meisten Patienten. Die Laienpraxis trägt ungemein zur Verbreitung der Homöopathie bei und ich hoffe, daß die Freigebung der ärztlichen Praxis in kurzer Zeit der Allopathie den Todesstoß geben wird.

Die „Biochemie“

Der Grundgedanke Schüßlers war die Verkleinerung der Anzahl homöopathischer Medikamente, weswegen er dies zuerst als Abgekürzte homöopathische Therapie bezeichnete, später dann als Abgekürzte Therapie, bevor er zur endgültigen Bezeichnung Biochemische Heilweise überging. 1873 erschien eine erste Zusammenfassung in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung unter dem Titel „Eine abgekürzte Therapie gegründet auf Histologie und Cellularpathologie“.

Die Grundannahme dieser Therapie ist, dass Krankheiten alleine durch Störungen des Mineralhaushaltes in den Körperzellen entstünden, die so den gesamten Stoffwechsel stören sollten. Er erfand auch zwölf Funktionsmittel, die unter dem Namen „Schüßler-Salze“ bekannt wurden. Obwohl die Salze nach homöopathischen Regeln „potenziert“ waren, sah Schüßler seine erfundene Therapie nicht als Teil der Homöopathie, sondern als eigenständig an. Weil die Schüßler-Salze nicht nach dem Ähnlichkeitsprinzip ausgesucht und verordnet werden, sondern nach der Antlitzdiagnose, wird das Verfahren auch heute nicht als homöopathische Methode eingestuft.[5]

Die Therapie wurde auch unter Schüßlers Zeitgenossen kontrovers diskutiert. Insbesondere die kurze Dauer von nur acht Monaten, die Schüßler für die Entwicklung angab, wurde kritisch gesehen. Den leisesten Hauch einer Kritik an seiner Methode sah Schüßler indes als „Angriff“ an und holte in bekannt polternder Art und Weise zum „Gegenschlag“ aus.

Am 4. Dezember 1876 trat er aus dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte aus, da er sich selbst nicht mehr als Homöopath sah.

Späte Jahre und Tod

In den folgenden Jahren publizierte Schüßler zahlreiche Broschüren und kleinere Schriften zu verschiedenen medizinischen Themen. Als überzeugter Impfgegner polemisierte er bei jeder Gelegenheit und auch in Broschüren gegen das Impfen, womit er sich einige Feinde machte.[1]

Seine Auseinandersetzung mit dem Chemiker Julius Hensel fällt in diese Zeit. Hensel hatte eine ebenfalls auf Salzen basierende Therapie erfunden und in seinen beiden Büchern auch Kritik an der Schüßlerschen Biochemie geübt, was den Oldenburger zu heftigen Attacken veranlasste. Auch gegen den Pfarrer und „Wasserdoktor“ Kneipp ging er in diesen Jahren hart vor und veröffentlichte mehrere Artikel und Broschüren gegen ihn und seine Therapie. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil Schüßler zur Laienbehandlung in der Homöopathie eine positive Meinung hatte, Kneipp aber angriff, eben weil er Laie war.[1]

Wilhelm Heinrich Schüßler wird von Zeitgenossen wie folgt beschrieben (zitiert nach der Biographie von Günther Lindemann):[1]

In seinen markanten Zügen spiegelte sich ein bestimmtes und unnachgiebiges Wesen, dem sich zeitweise ein satyrischer Humor beigesellte. Er war ein Sonderling mit einer Reihe von Eigenarten und gerade letzteren gaben dem Fortleben im Gedächtnis seiner Zeitgenossen das Gepräge. So ist vielen, die ihn persönlich kannten, das Bild des greisen Mannes mit schneeweißem Haar in Erinnerung, wie er mit einer mit langem Schirm versehenen Schiffermütze, im langen dunkelblauen Rock mit blinkenden Knöpfen, mit dicken wollenen Handschuhen, den Schirm im Arm wie ein Gewehr tragend, die Straße entlang ging, jeden, ob arm oder reich, nur mit einer Handbewegung nach der Mütze grüßend, ohne dieselbe abzunehmen. Im Sommer liebte er einen kanariengelben Rock und ebenfalls dicke wollene Handschuhe zu tragen.

Und seine medizinischen Gepflogenheiten werden so beschrieben:[4]

Verkehr hat er mit seinen Kollegen bzw. mit andern Menschen, außer seinen Anhängern, wohl kaum gehabt. Selten sah man ihn auf der Straße, dann aber fiel er schon durch seine eigenartige Erscheinung auf. Mit einem langen Gehrock bekleidet, den Kopf bedeckt mit einer Tellermütze mit großem Schirm, schritt er hastig dahin, ohne sich um seine Umgebung zu kümmern, als hätte er es sehr eilig, obwohl er kaum je einen Patienten besuchte. Seine Praxis spielte sich vielmehr wohl nur in seinen Sprechstunden ab, in denen er sich von den Patienten selbst oder deren Angehörigen die Symptome ihrer Krankheit beschreiben ließ und dann ohne jegliche Untersuchung die verordenten Heilmittel, wie Kochsalz, Eisen usw. gleich mitgab. Jede Konsultation ließ er sich mit dem verordneten Salz sofort bezahlen und zwar mit 75 Pf., eine ärztliche Taxe gab es für ihn einfach nicht. Bei nächtlichen Konsultationen pflegte er, oben aus seiner Schlafkammer sehend, sich die Krankheitssymptome beschreiben zu lassen, ließ dann an einem Bindfaden befestigtes Körbchen oder ausgehöhlten Torfsoden herunter, worin der Betreffende die obligaten 75 Pf. zu legen hatte, dem dann auf gleichem Wege die verordnete Medizin zugestellt wurde.

Im Juli 1885 wurde der erste „Biochemische Verein“ in Oldenburg gegründet.

Am 30. März 1898 verstarb Schüßler an den Folgen eines „Gehirnschlages“ und wurde auf dem Gertrudenfriedhof in Oldenburg beigesetzt.

Rezeption

Wilhelm Schüßler kann aufgrund seines Lebenslaufes und seines Habitus durchaus als schillernde Figur in der Medizin seiner Zeit angesehen werden. Sowohl in Kreisen der Homöopathie wie später auch nach Erfindung seiner eigenen Heilmethode war er stark umstritten, was zahlreiche Auseinandersetzungen in Fachzeitschriften nach sich zog. Diese fielen besonders heftig mit Kritikern aus der „Schulmedizin“ aus.[1][4][6]

Schüßlerbüste
(Bildquelle: Public Domain)
Schüßler wurde von seinen Anhängern schon sehr früh als Visionär der Medizin verehrt. Von Oldenburg aus wurden zahlreiche „Biochemische Vereine“ gegründet, die sich zu einem „Biochemischen Bund“ zusammenschlossen. Die Verehrung Schüßlers zeigt sich beispielsweise in der Büste, die von Liddy Hofmann-Juan angefertigt und beim Bundestreffen von 1932 in Radebeul vor dem Madaus-Werk aufgestellt wurde.[1] Dies basiert zum Teil darauf, dass Wilhelm Schüßler mit seiner Biochemie und der darin enthaltenen Antlitzdiagnostik eine einfache, für jedermann anwendbare, „Volksmedizin“ geschaffen hat, welche die Konsultation eines Arztes und die damals damit verbundenen Kosten unnötig macht. So verwundert es nicht, dass gerade die Laienvereine stetigen Zulauf bekamen, die sich der Verbreitung der Lehre und dem Andenken der Person Schüßler verschrieben hatten.[3]

Die Biochemie Schüßlers basiert auf dem medizinischen Wissensstand der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und auf heute nicht mehr haltbaren Annahmen zu den Abläufen in den Zellen. Bereits im Jahr 1904 wurde durch das preußische Ministerium für Medizinalangelegenheiten eine Untersuchung der Schüßlerschen „Biochemie“ durchgeführt, die zu einem vernichtenden Urteil kam. Die abschließende Beurteilung über den Erfinder war bezeichnend und treffend:[4]

Ob Dr. Schüßler nur ein wissenschaftlicher Eigenbrödler gewesen ist, oder wie Prof. Dr. Kraus in einem an das preuß. Ministerium für Medizinalangelegenheiten im Jahre 1904 über die Biochemie abgegebenen Gutachten annimmt, ein „Schwachsinniger oder gar Schlimmeres“ das mag ein Jeder selbst entscheiden (…)



Quellen- und Literaturangaben
  1. 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 Lindemann, Günther: Dr. med. Wilhelm Heinrich Schüßler: Sein Leben und Werk. Oldenburg, 1992.
  2. Jörgensen, Hans-Heinrich: Schüßler-Salze für mein Pferd: Gesund und fit mit Mineralien. Schwarzenbek, 2014.
  3. 3,0 3,1 Helmstädter, Axel: Wilhelm Heinrich Schüßler: Ein Therapeut als Kind seiner Zeit. In: Pharmazeutische Zeitung online. 51/2007. http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=4367 (abgerufen am 12. Juni 2017)
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 Roth, Max: Die Biochemie. In: Aufsätze zur Medizingeschichte der Stadt Oldenburg, Oldenburg, Oldenburg, 1999, S. 390-396.
  5. Bleul, Gerhard: Homöopathische Fallanalyse: Von Hahnemann bis zur Gegenwart, Stuttgart, 2012.
  6. Platz, Hugo: Dr. Schüßler und seine biochemische Heilmethode: Ein Gedenkbuch zu seinem 100. Geburtstag, Leipzig, 1921.